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LONDON - MAILAND - NEW YORK - PARIS

Mailänder Modewoche für den Sommer 2019

Von Christa Langen-Peduto

Weniger Spektakel, aber mehr Lady-Chic und Klassik, auch mehr Sachlichkeit, so punktete Mailand mit rund 60 Modeschauen sowie Präsentationen für Frühjahr und Sommer 2019.Ein gewisser Übermut fehlte schon deshalb, weil der vor Fantasie sprühende Designer Alessandro Michele von Gucci diesmal nicht in Mailand, sondern in Paris vorführen ließ. Da besann sich Italiens Metropole lieber darauf, auch brav, bieder und gut tragbar sein zu können. Es wurde sogar eine ganze Reihe an Modellen für den normalen Alltag vorgeführt. Minis sind fast überall passé, Midi- und Wadenlänge dominieren. Wilde Stoffmuster und auch sexbetonte Modelle sind, in „Me-too“-Zeiten verständlicherweise, total out. Es lebe die Unifarbe. Die Mode darf auch praktisch sein. So werden Miuccia Pradas kurze, schmale Radlerhosen zu hocheleganten, taillierten Jacken mit Reverskragen wohl auch ein viel imitierter Trend werden. Nämlich bei allen, die mit dem E-Bike oder einfach mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Das ist zeitgerechte Mode, welche es den Trägerinnen erspart, vor Dienstbeginn vom sportlichen Radlerdress ins Business-Kostüm überwechseln zu müssen. Und ist erst noch chic. Miuccia Prada gefällt aber auch mit allerlei Kontrasten. Zum poppigen kurzen Trägerkleidchen in hellen Farben kombiniert sie schwarzseidene Kniestrümpfe.

 

Modezar Giorgio Armani war gleich zweimal präsent. Erst ließ er in einem Hangar am Flughafen seine Emporio Armani-Marke vorführen, dann seine Hauptlinie im eigenen Atelier. Fast nur körpernahe Ensembles, auch klassische Hosenanzüge. Cocktailkleider hingegen mit leicht gekräuselten Röcken, dazu enganliegende Oberteile mit Stehbörtchen am Hals, schmalen Puffärmelchen oder ganz entblössten Schultern und Armen. Überraschung löste seine Farbskala aus. „Manch einer sagt, ich würde immer nur Blau und Grau benutzen“, scherzte Armani. Diesmal also anders, auch Rosa und Türkis, manchmal mit schillerndem und funkelndem Effekt. Fendi hingegen, mit dem deutschen Designer Karl Lagerfeld, mag es wesentlicher eintöniger. Dreivierteljacken in Weiß haben beige aufgesetzte Taschen aus Leder, in die soviel Krimskrams hineinpasst, dass die Handtasche überflüssig wird. Nachmittagsensembles sind ganz schlicht, mit leicht ausgestellten Röcken in Wadenlänge. Fendi stellte auch eine Pelzneuheit vor, nämlich federleichte Felle, auch im Sommer in eisigen Aircondition-Räumen tragbar. Auch hier gab es übrigens kurze Radlerhosen elegant kombiniert.

Beige-braune Farben ohne Muster auch bei Max Mara, verarbeitet zu taillierten und recht langen Kleidern mit figurbetonenden, engen Bleistift-Röcken, dazu trenchcoatartige Jacken, immer von Gürteln zusammengehalten. Unifarben natürlich auch bei Jil Sander, deren Kollektion jetzt das Kreativduo Lucie und Luke Meier ganz im zeitlosen Stil der deutschen Designerin mit schlabbrigen langen Hosen zur locker fallenden Tunika entwirft. Da sind Dolce und Gabbana abwechslungsreicher. Die beiden Topstylisten boten mit 150 Modellen ein Potpourri ihrer Kreationsfreude während fast 35 Jahren Aktivität und damit ihre gesamte Ateliergeschichte. Knallig Buntes war ebenso dabei wie ganz dezente Eleganz. Dazu holten sie sich ihre Topmodels der neunziger Jahre zurück und engagierten auch ältere Prominente ganz gleich welcher Figur. Carla Bruni spazierte im Brokat-Abendanzug über den Laufsteg, Eva Herzigova in schwarzem Chiffon. Der inzwischen über 50jährige Filmstar Monica Bellucci trug ein gepunktetes Kleid und die Schauspielerin Isabella Rossellini, längst Großmutter, einen bestickten, weiten Abendmantel.

 

Es gab auch Etliches zu feiern. Missoni bot zum 65jährigen Firmenjubiläum eine Open-Air-Show vor den Wolkenkratzern von Mailands modernem Stadtviertel "CityLife". Die neue Kollektion zeigte zarte, oft transparente Stoffe mit hellen Farben in einer fließenden Silhouette. Etro wurde 50 und hatte dazu Folklore-Mode kreiert. Der Münchner Philip Plein huldigte anlässlich seines 20-Jahr-Jubiläums der Pop-Ikone Michael Jackson mit einem Rapper-Konzert. Auf verspiegeltem Laufsteg zeigte er strassverzierte Bodys als Abendrobe zu ebenso dekorativen Stiefeln in Kniehöhe, aber auch streng geschnittene, dunkelfarbige Hosenanzüge für Sie und Ihn. Ein besonderes Highlight waren wieder die Mode-Oscars, die Mailand seit einigen Jahren vergibt und die von internationalen Stars wie der Filmdiva Cate Blanchett und Cindy Crawford überreicht werden. Prämiert wurden Jungtalente, aber auch Schuhmodenunternehmer Diego Della Valle (Tod’s), und Donatella Versace.

 

Die größte Sensation der Mailänder Fashionwoche war aber eine andere. Donatella Versace, der Liebling der Show-Welt, schwamm nicht nur mit einer frech-bunten Kollektion mit vielen Minis und gewagt geschlitzten Röcken gegen den Strom. Sie hatte auch ein Highlight in Zahlen zu bieten. 21 Jahre nach der Ermordung ihres Bruders und Firmengründers Gianni Versace in Miami/Florida kündigte sie den Verkauf des Unternehmens an. Der Amerikaner Michael Kors hat es für die schwindelerregene Summe von 1,8 Md. Euro erworben und damit französische Interessenten überboten. “Versace wird jetzt stärker denn je sein“, beteuerte aber Donatella, die mit ihrer Familie kleine Anteile behielt. Sie werde weiterhin mitsamt ihrem Team mitarbeiten und könne das nunmehr ohne Finanzprobleme tun. Versace kreiert und Kors, ohnehin mehr Businessman als wahrer Modemacher, wird sich eher um den Umsatz der Versace-Mode in seinen weltweit präsenten Boutiquen kümmern. International bekannt wurde Kors durch wiederholte Fernsehauftritte, unter anderem an der Seite von Topmodel Heidi Klum. Das Herz der Versace-Mode bleibt also in Italien – wie bei so vielen Couturiers, die in den letzten Jahren verkaufen mussten. Die meisten wurden französisch wie Fendi und Loro Piana, Krizia und Raffaella Curiel chinesisch, Bottega Veneto und Moschino amerikanisch. Valentino gehört längst einer Gruppe aus Qatar, die aber ebenfalls weiter mit italienischen Designern arbeitet, die zwischen Rom und Mailand kreieren, dann aber in der Regel in Paris vorführen. Alle tragen dazu bei, dass mit 54 Md. Euro Umsatz in der Modebranche pro Jahr diese weiterhin ein wichtiger Wirtschaftsfaktor des Landes ist. Zwischen 2012 und 2017, so wurde in Mailand mitgeteilt, erwirtschaftete allein die Luxusmode einen Gewinn von 17 Md. Euro.