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LONDON - MAILAND - NEW YORK - PARIS

Mailänder Modewoche 2017/18

von Christa Langen-Peduto, Rom

Alles fließt, wirft Falten, wippt – Giorgio Armani, Italiens 82 Jahre alter Modezar, hat mal wieder Neues erfunden. „Man muss auch etwas wagen“, sagt der unermüdlich emsige Topstylist, der sich auf seinem Milliardenvermögen einfach nicht ausruhen will. Jetzt hat er für den kommenden Herbst und Winter, vorgeführt auf der Mäilander Modewoche für Alta moda pronta 17/18, eigentümliche Kreationen geschaffen, die Tendenz werden könnten. Schmale Oberteile, untenherum Hosen, die keine sind, oder auch Röcke, die keine sind. Mittels Schrägschnitten, Plissee-Partien, Schlitzen und allerlei Faltenwürfen ist so ein ganz neuer Typ von verspieltem Hosenrock bis zum Knöchel entstanden. In Samt und Satin, auch in weichen Wollstoffen, farblich in leuchtendem Rot und Smaragdgrün. Dazu trägt die modebewusste Frau kurze Jäckchen mit einem langhaarigen braunen Mohair-Überwurf, lässig über eine Schulter drapiert, Schnürstiefel an den Füßen. Und stets einen kleinen Filzhut mit Krempe – von morgens bis abends. In Mailand gefiel das und Armanis Mut zu so viel Wagnis wurde eifrig beklatscht.

Doch auch sonst gab es bei den rund 70 vorgeführten Kollektionen in der lombardischen Hauptstadt wieder Vieles zu bewundern. Nach wie vor gehört dieser Termin zu den bedeutendsten Modeevents der Welt. Mit 62,5 Md. Euro Jahresumsatz stellt die Branche 4 v.H. von Italiens Bruttosozialprodukt und ist zugleich mit rund 10 v.H. Plus pro Jahr einer der wenigen Sektoren im krisengeschüttelten Land, der stets im Aufwind ist. Dementsprechend heiter-optimistisch ist die Stimmung in Mailand, aufgeschlossen auch für allerlei Gags. So hatte Miuccia Prada den Saal in eine Art Studentinnenbude umfunktioniert. Die Gäste saßen auf Betten und bewunderten Modelle im Stil der 70er Jahre mit Federschmuck und Fransen, Anzüge aus Cordsamt, auch ungewöhnliche Kombinationen wie Mäntel mit Reverskragen, obenherum kariert, untenherum mit Blumenmotiven und Pelzrand. Darunter Hosen zum Top, auch Stiefel bis zum Knie. Fell, mal echt, mal synthetisch, ist bei vielen Designern zumindest als Ornament wieder beliebt. Das römische Atelier Fendi, für das der in Paris lebende Deutsche Karl Lagerfeld kreiert, zeigte gar hochelegante Kleider mit üppigem Pelzkragen, Tellerröcke und flatternde Chiffonroben. Weite Hosenbeine werden am Knöchel mit einem Gürtelement in Form gehalten. Zu Röcken gibt es rote Lederstiefel bis übers Knie gezogen. Einst war Fendi ganz auf Pelze spezialisiert, ehe diese Motive für Proteste von Tierschützern wurden.

Exzentrisch zeigte sich wieder Gucci mit seinem international gefeierten Designer Alessandro Michele. Die Models liefen durch angestrahlte Plexiglasröhren. Es hätte auch ein Kostümfest sein können, allerdings mit äußerst schick geschnittenen Kleidern, die durch besondere Muster hervorstechen. Kunterbuntes, ein Mix aus Flora und Fauna, Orient und Okzident, Zimmermädchen und Rockern, aber alles gekonnt zusammengestellt. Er inspirierte sich selbst an der Mode im einstigen chinesischen Kaiserreich. Und dazu dann auch noch rosa Schuhe. „Der Garten des Alchimisten“ hieß dieses phantasievolle Modeparadies.

Etwas Besonderes boten auch wieder Dolce und Gabbana. Keine Models, sondern ganz normale Leute unter 35 liefen massenweise über den Steg, ausgesucht per Casting. In weiten Blumenmänteln zu Hosen aus demselben Muster, in knappen geometrischen Minis, oder in sportlichen Hosenanzügen. Ein buntes Potpourri und ein Heidenspass, so wurde kommentiert.

Seriöser ging es bei Max Mara zu. Viel tragbare Eleganz in Grau, midilange Röcke mit Falten zu Trenchcoatmänteln aus Kaschmir oder Alpaka, alles Ton in Ton. Rot, Grau, Karamell, Cognac und Schwarz die Farben. Unter den Models erregte die schöne Muslimin Halima Aden Aufsehen. Wie schon in New York führte sie auch in Mailänd unentwegt mit Kopftuch Kleider vor.

In die 40er Jahre hat diesmal Designer Tomas Maier von Bottega Veneto zurückgeblickt. Spitze Schultern zur schmalen Silhouette wirkten hochelegant. Missoni bot grobe Strickpullover und Wollmützen, die jenen der Antitrump-Demonstranten in Washington ähneln.

«Ich habe noch nie so viel gezeichnet und noch nie so viel verworfen wie in dieser Kollektion», erklärte der Deutsche Wolfgang Joop, wie er gerungen hatte, um irgendwie die nicht gewünschte neue US-Politik zu demonstrieren. Japanische Kirschblüten-Drucke symbolisieren, dass die Gesellschaft erwachen soll. Verfremdete Camouflage-Muster und die bei vielen Models vermummten Gesichter rufen dazu auf, für die Freiheit und den Liberalismus zu kämpfen. Aufgestickte Namen großer Jazzmusiker wie Duke Ellington oder Charlie Parker erinnern daran, dass Amerika aus verschiedenen Kulturen besteht.Und dann ließ er in seiner „Wunderkind-Kollektion“ die Mannequins auch noch mit bis zur Nase hochgezogenen Rollkragen flanieren. Dazu trugen sie Blazer, Bomber und Ledermäntel. 

 

Viel Beifall auch für einen metallisch glänzenden Daunenmantel bis zur Wade bei Jil Sander. “Die Tendenz ist, zu übertreiben“, so titelte zwar der Mailänder Corriere della sera zu den Vorführungen. Das trifft zwar zu für diese bunt gemischte, abwechslungsreiche Mode für den nächsten Herbst und Winter. Dennoch schälen sich einheitliche Trends heraus. Minis sind seltener geworden, Hosen enger und kürzer, aber Röcke länger. Schon lange nicht mehr wurden soviele die Beine ganz bedeckenden Kleider und Mäntel vorgeführt. Sie sorgen fast automatisch dafür, dass im kommenden Herbst und Winter Modebewusste wieder hochelegant aussehen werden –eher Damen und keine „Kindfrauen“ in Minis mehr sind. Farblich sind sie oft in heiteres Rot gekleidet, ansonsten dominieren eher herbstlich düstere Farben. Die Details zählen, sorgen mit Folklore-Motiven und ethnischem Look für einige Spielereien. Bei den Accessoires wurde wie immer in Mailand viel Phantasie entwickelt. So hat die Designerin Azzurra Gronchi aus Florenz eine besonders praktische Idee für begeisterte Radfahrerinnen wie sie. Ihre puppenleichte Handtasche lässt sich beim Pedaltreten mit einem Finger von oben öffnen, ohne dass ihr Inhalt herausfällt. Schuhe sind bei fast allen Designern kleine Kunstwerke mit Dekors wie Federn und Pailletten, mal als flache Treter, mal mit bleistiftdünnen Absätzen als elegante Stiefeletten, vorn in V-Form. 

 

 

 

Mailänder Modewoche Winter Frühling 2017

Christa Langen-Peduto, Rom

Eigentlich ist es ein schäbiges Eisenbahndepot.in Mailand. Doch für einen Tag wird es strahlend schön. Draußen bleibt das Depot  unverändert, aber drinnen tapezieren 250 000 Spiegelchen die Wände. Es glitzert und blinkt, eine Märchenwelt. Die brauchte Guccis Stardesigner Alessandro Michele für seine Frühjahrs- und Sommerkollektion 2017, vorgeführt während der Mailänder Modewoche vom 22. bis 27. September. Seine Modelle sind für moderne Prinzessinnen ersonnen, aus Seide mit grossflächigen Blüten und Blättern, aus Chiffon mit einem Meer an Volants überhängt. Es gibt oberarmkurze Puffärmel und strenge lange Bundärmel mit überbetonten Schulterpartien. Abendroben sind lang und üppig, Tagesmodelle mit geschlitzten Midi-Röcken ausgestattet. Es darf auch ein schicker zweireihig geknöpfter Hosenanzug sein. Knallgelb, azur- und veilchenblau sind Lieblingsfarben. Die Gucci-Schau war die am meisten erwartete gewesen. Michele ist seit 2015 Chefdesigner des Unternehmens. Seine Einfälle gefallen, eine grosse Umsatzsteigerung hat das dem Modehaus schon eingebracht. Und seine Schau ist, in all ihrer Fröhlichkeit, sehr gut angekommen. Doch sie war nicht der einzige Spitzenreiter von Mailand. Täglich 14 Modenschauen gab es. Und diesmal sind sich Beobachter ziemlich einig: Nach einigen etwas zurückhaltenden Jahren trumpft Mailand wieder auf. Nicht nur die jungen, auch die längst arrivierten Stylisten sprühen vor Ideen, bieten viel typisch italienische Kreativität und kunterbunte Einfälle, die Tendenz machen werden. Eine „Saison der Veränderungen“ sei eingeleitet, so Italiens Modepresse. Und so wird „Made in Italy“ sich international – unter den Konkurrenten von Paris, New York und London – bestens behaupten. Worauf auch der in Wirtschaftsnöten stehende Staat baut. Ministerpräsident Matteo Renzi kam wieder persönlich zur Eröffnung und wünschte sich, gerade der tatkräftige Modesektor möge mit guten Exportzahlen dem Wachstum Italiens besser auf die Sprünge helfen.

Die Phantasie der Modemacher kennt diesmal kaum Grenzen. Selbst  Altstar Giorgio Armani glänzt mit ganz neuem Stil. Er hat seinen Hang zu dezenter Eleganz gehemmt und stattdessen extrem ausgeholt. Einige seiner Stammkundinnen im internationalen Jet Set, das sagt er selbst, werde das nicht gefallen: „Ich habe mir gesagt, wie wird man 2018 über mich reden? Deshalb ziehe ich vor, meine Mode umzustossen. Besser jemanden enttäuschen, aber in die Zukunft eintreten“. So kreierte er den „Armani-Charme in kurzen Hosen“, wie in Mailand gewitzelt wurde. Für den Alltag gibt es Seidenpants im Joggingstil zu flatternden Jacken. Abendroben sind mit viel Transparenzlook frecher und jugendlicher geworden. Blau und Schwarz bevorzugt er, dazu Druckmotive in Ton-in-Ton-Nuancen. Prada hingegen zeigte Einfachheit mit einem kleinen Extralook für den nächsten Frühjahr und Sommer. Bis oben zugeknöpfte, großkarierte Blusen mit braven Reverskragen, dazu einen engen kleinkarierten Rock, verziert mit einer Bordüre aus Federn. Dolce und Gabbana mag es ganz italienisch und wurde dementsprechend gefeiert. Hübsche Sommerkleider haben als Muster mit Schleifen gebündelte Spaghetti, oder auch Pizza., dazu ein kurzes Bolero-Jäckchen mit Streublumen. Donatella Versace, die mit Starmodell Naomi Campbell aufwarten konnte, hat eine 360-Grad-Drehung in der Mode vollführt. Keine Glitzerkleider mehr für die Flimmerwelt, stattdessen sportliche Mode. Blousons aus technischem Nylon, schlappe Röcke aus wasserfestem, synthetischem Material  bis zur Wade, und dazu dann Schnürstiefel. Roberto Cavalli zeigt Ethnolook mit Schlaghosen und knöchellange Sommerkleider, schon die zweite Kollektion, die bei ihm der Norweger Peter Dundas entworfen hat.

Fendi, mit dem deutschen  Topstylisten Karl Lagerfeld, ist vielseitig. Es gab viel Gestreiftes, Pastelltöne, auch einen Rückblick in französische Königszeiten, angelehnt an die Mode von Maria Antoinette (1755 bis 1793), die Gemahlin von Ludwig XVI. aus dem österreichischen Herrscherhaus Habsburg-Lothringen. Sie wurde in der französischen Revolution auf dem Schafott hingerichtet, doch vorher war sie eine schillernde Persönlichkeit. An ihre Mode erinnert etwa Fendis hübsches, minikurzes und bauschiges Nachmittagskleid aus Taftseide mit Blüten, dazu ein um den Hals drapiertes Kräuselkrägelchen. Nicht nur Lagerfeld, weitere deutsche Designer – sie stellen den größten Anteil an nicht italienischen Couturiers – fallen auf. Allen voran Philipp Plein aus München, der sich mit exzentrischer Mode und einer Show aus Mailand verabschiedet hat. Künftig will er in New York vorführen. Die Sängerin Fergie sowie Model und Millionärserbin Paris Hilton liefen für ihn über den Laufsteg. Paris präsentierte ein schwarzes Abendkleid, was fast nur aus üppigen Schlitzen und wenig Stoff besteht. Dazu trug sie Sandalen mit Querriemen, die bis zum Oberschenkel reichten. Zum Finale saßen die Models in einem Kettenkarussel und flogen durch die Luft – in Richtung New York offenbar. Der Deutsche Wolfgang Joop hingegen war mit seiner Kollektion „Wunderkind“ erstmals in Mailand dabei.“ Ich setze auf Romantik, Grunge und Landleben“, sagt er. Gutes Handwerk und Kultur, das sei in Mailand gefragt und das sei das Richtige für ihn. Er bietet Pepitamuster, aber auch Blumenornamente. Die Jacken sind sportlich, Blusen vorn kurz und hinten lang, schmal die Hosen, bei Röcken die Hüften betont. Bottega Veneta, für die seit Jahren der aus Pforzheim stammende Tomas Maier kreiert, feiert in diesem Jahr das 50jährige Bestehen. Maier hat zu dem Anlass ganz einfache einfarbige Kleider aus erlesenem Material kreiert, mit schmalen Oberteilen und eng ansitzenden, langen Ärmeln, dazu Kräuselröcke bis zur Wadenmitte.

Und wieder lässt sich sagen, eine einheitliche Linie schält sich auch diesmal in Mailand nicht heraus. Höchstens eine Tendenz: Neben Minis gibt es wieder verstärkt längere weite Röcke, bis zum Knöchel oder zur Wadenmitte, auf jeden Fall mindestens eine Handbreit unter dem Knie endend. Die Farbskala ist breit gefächert. Zitronengelb, Ozeanblau, Rosa, Grau, Flaschengrün. Seide und Chiffon sind wie immer in Italien bevorzugte Stoffe, auch Spitze – schon der Schlager im letzten Sommer – hält sich. Unifarben ist wieder in, aber auch die exotischsten Muster. Max Mara etwa ist in den Dschungel gezogen und punktet mit exzentrischen Tiermotiven.