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LONDON - MAILAND - NEW YORK - PARIS

Mailänder Modewoche für den Sommer 2020


Von Christa Langen-Peduto


Erst schweben Models auf einem Laufband durch den voll besetzten Saal. Sie tragen eintöniges Weiß, wie Kittel, Krankenschwester- oder Pfleger-Tracht verarbeitet, einige mit Schlaufen und Spangen, die an Zwangsjacken erinnern. Dazu ertönt Geflüster auf Englisch aus dem Lautsprecher. Dann legen sie die Zwangsjacken ab und werden zu richtigen Mannequins – in unglaublich normalen Modellen. Das ist die Überraschung, die Topstylist Alessandro Michele von Gucci auf der Mailänder Modewoche für Frühjahr und Sommer 2020 serviert hat. Er, der mit seiner Exzentrik der letzten vier Jahre das florentinische Haus total umgekrempelt und zu großen Erfolgen geführt hatte, mag es jetzt brav, bieder und sehr elegant. „Archäologische Säuberung“, nennt der Römer das. Die Kittel (unverkäuflich) sind nur der Eingangsgag. Dann folgen ganz normale Hosenanzüge mit weiten Beinen, teils sportlich im Kombi-Look mit goldenen Metallgürteln, Dreivierteljacken, ferner taillierte oder lose bis zur Wade flatternde Mäntel. Cocktailkleider sind etwas kühner und mehr sexy, immerhin mit einem langen Schlitz am linken Bein verziert. Lange Abendroben sind bis zum Hals geschlossen, unten herum etwas aufgelockerter gestaltet. Unitöne in fröhlichen Farben dominieren, manchmal jedoch in ausgefallenen Kombinationen wie Seegrün zu Fliederfarbe. Stickereien in geometrischen Mustern, auch lange Halsketten, sorgen für den besonderen Akzent. Exzentrisch ist nur Alessandro Michele selbst geblieben. Eher gekleidet wie ein Rockstar, mit Schirmmütze zum brustlangen Wuschelhaar, so nimmt er mit tiefer Verbeugung abschließend den Beifall entgegen.


Ohne von „Säuberung“ zu sprechen, pflegten auch andere Stylisten den neuen Normal-Look auf der Mailänder Woche mit fast 60 Modevorführungen an fünf Septembertagen. Selbst Miuccia Prada zeigte eher zeitlose Mode. Die Zeiten der „Wegwerf-Gesellschaft“ seien vorbei, meinte sie. Auf bunten Fliesen ließ sie klassische Kostüme mit breitem Revers der siebziger Jahre vorführen, auch Hosen und Mäntel, Röcke generell mehr als knielang. Keine Blumenmuster mehr, sondern Blätterdekor, Orange, Gold und Grün die Farben. Kragen und weiße Knöpfe zu zweireihigen Jacken oder Mänteln, vorgeführt von Topmodel Gigi Hadid, sind wieder „in“. Miuccia Prada selbst möchte, dass solch eine Kollektion länger als eine Saison aktuell bleibt. „Ein Muss für lange Zeit“, betonte sie sogar.. Aus italienischer Sicht ist das fast eine kleine Sensation. Früher hielten selbst modebewusste Damen des gehobenen Bürgertums es für ein „Muss“, sich jedes halbe Jahr neu einzukleiden. Sachen aus der vorangegangenen Saison wurden allenfalls zum Einkauf auf dem Markt und in den eigenen vier Wänden ausgetragen. Ganz so ist es schon länger nicht mehr, schließlich ist das Geld knapp geworden in Italien. Aber mindestens ein neues Outfit wurde immer angeschafft.


Giorgio Armani denkt da ganz anders. „Tantenlook“ und Rückkehr zur Biederkeit, das will er nicht. „Da schwimme ich lieber gegen den Strom“, sagte der Altmeister. Rundschultrige Jacken mit weiten Kimono-Ärmeln, schicke Hosen und lange Röcke in hauchzarten Stoffen zu bestickten Gilets – aller sehr fein und elegant. „Erde“ hieß seine Kollektion und bezog sich mit Himmelblau und Brauntönen auf die Schönheit der Natur. Viel Neues, wie transparente Handtaschen für den Abend, gab es auch bei seinen Accessoires. Hand in Hand mit einem Model mit Diadem auf dem Kopf und Ohrringen, die bis zur Schulter reichten, ließ er sich dann vom Modepublikum feiern. Dazu war Armani ganz  lässig gekleidet im dunkelblauen Zweireiher mit bulligen Hosenbeinen zu weißen Tennis-Sneakers an den Füßen. Das römische Haus Fendi präsentierte die erste Kollektion ohne seinen im Winter verstorbenen, langjährigen Topdesigner Karl Lagerfeld. „Debütantin“ Silvia Venturini-Fendi, die allerdings seit Jahrzehnten mit Lagerfeld zusammengearbeitet hatte, gefiel mit Kleidern, Tops und Röcken im Transparentlook, dazu schräg verlaufender Pelzbesatz hineingearbeitet. Wildlederblusen mit weißen Boleros zu hellbraunen Shorts waren frech und jugendlich.


Donatella Versace hingegen liess ihren „Dschungellook“  wieder aufleben. Im Jahr 2000 hatte die Pop-Sängerin Jennifer Lopez Versaces durchsichtiges Abendkleid in grünblauem Blättermuster bei einer Preisverleihung getragen. Und die jetzt 50jährige war der Star in Mailand, als sie in derselben Robe auf den Laufsteg kam. Zuvor ließ Donatella Versace im Dschungel-Look auch Mini-Hänger und Shorts zu farbenfrohen Dreivierteljacken vorführen. Auch die Topstylisten Dolce und Gabbana hatten in den Dschungel geblickt. Sie boten sportliche, taillierte Hosenanzüge mit engen Beinen oder luftigen Shorts in Khakifarbe. Ein Tüllkleid war von oben bis unten mit großen grünen Blättern geschmückt.


Wieder mehr Normal-Look gab es dann auf weiteren Schauen. Max Mara und Salvatore Ferragamo blieben bei praktischer Eleganz, sportlich serviert mit Kniestrümpfen zu Pumps oder weißen Söckchen zu Sandalen. Etro schickte eher Teenagermode auf den Laufsteg, ganz kurze Minis mit engen Jacken und betonten Schultern darüber. Zwei Brands, die längst den Besitzer und Designer gewechselt haben, fielen positiv in Mailand auf. Lucie und Luke Meier haben sich jetzt wirklich in den Stil der deutschen Jil Sander eingearbeitet und führen ihre kühl-sachliche Linie überzeugend fort. Auch Daniel Lee, neuer Stylist bei Bottega Veneta, steht seinem Vorgänger Tomas Maier nicht nach. Hugo Boss aus Baden-Württemberg war nach fünf Jahren der Modepräsentation in New York jetzt wieder in Mailand dabei, mit langen Mänteln in Sandfarbe und viel Leder. Auch das Label Aigner aus München gefiel mit Lederblousons und schürzenähnlichen Kleidern. Alles in allem lässt sich von Mailand diesmal sagen: Einfach viel Tragbares, zudem farbenfroh präsentiert.


Gewürzt war das Mailänder Modespektakel wie immer mit allerlei „Vips“ unter den Zuschauern und mondänen Events. Filmdiva Nicole Kidmann sass bei Prada, ihre US-Kollegin Katie Holmes bei Fendi. Missoni führte im Freibad vor, die Schau der Zweitlinie M Missoni fand in einer Straßenbahn statt. An jeder Haltestelle stiegen neue Models zu. Die gerade 85 gewordene Sophia Loren überreichte in der Mailänder Scala dem einstigen Modezar Valentino Garavani den Oscar für seine Karriere. Aber eigentlich ging es dort zeitgemäß um Prämien für „Green fashion“, nämlich um Oscars für besonders umweltbewusst und nachhaltig kreiertes Design. So wurden selbst die Gondolieri von Venedig für ihre neue Tracht aus Öko-Merinowolle von australischen Schafen ausgezeichnet. Wie bedeutungsvoll Mode für Italien ist, zeigen übrigens soeben veröffentlichte Zahlen der Handelskammer: Sie umfasst 219‘000 Unternehmen mit  833‘000 Mitarbeitenden, bei einem Jahresumsatz von mehr als 100 Milliarden Euro.