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PRÊT-À-PORTER Herbst/Winter 2017/18

PARISER PRÊT-Â-PORTER HERBST/WINTER 2017/18

Von Annemarie Mahler, Paris

Paris, die Wiege der grössten und ältesten Couturehäuser, Wahlheimat der besten Designer der Welt (24 Nationalitäten), hat nach New York, London und Mailand anfangs März den Reigen der Fashion Weeks der Prêt-à-Porter-Mode für Herbst und Winter 2017/2018 geschlossen. Die Stadt an der Seine hat ihre Anziehungskraft nicht verloren. Nirgends gibt es eine solche Konzentration von Défilés höchster Qualität und Verschiedenheit. Jeden Tag bis zu zehn Schauen von früh morgens bis spät abends: die grossen Modehäuser, die unabhängigen Kreateure, neu aufkommende Designer und junge Modemacher, die ausserhalb des offiziellen Kalenders ihr Schaffen zeigen, sich allerdings keine eigene Schau leisten können und versuchen, ihre Kollektionen auszustellen.

Aus mehr als fünfzig Ländern sind rund 1500 Journalisten gekommen, dazu an die 5000 Einkäufer, Fotografen, Mannequins, Maquilleure, Coiffeure und je länger je mehr die einflussreichen Mode-Bloggers, die alle Leben und Geld in die Stadt bringen, die seit den Terroranschlägen etwa 1,5 Millionen weniger Touristen hat. Von Tendenzen spricht keiner mehr. Rocklängen sind völlig unwichtig geworden. Alles ist ein grosser Remix ohne Hierarchie, mit historischen und populären Einflüssen. Es gibt Eleganz, guten Geschmack und manchmal absichtliche Vulgarität. Die Frauen werden ihren eigenen Stilistinnen und das gibt ihnen eine neue modische Freiheit. 

Viele Geburtstage können dieses Jahr gefeiert werden. Dries van Noten zeigte sein 100. Défilé, Dior’s New Look wurde vor 50 Jahren geboren, der umjubelte indische Modeschöpfer Manish Arora, den man den „John Galliano Indiens“ nennt, zeigt seit 10 Jahren seine fröhlich-bunte Mode in Paris, die legendären zweifarbigen Chanel-Pumps gibt es schon 60 Jahre und das Haus Cristobal Balenciaga wird 100 Jahre alt und wird mit einer Ausstellung im Pariser Musée Bourdelle geehrt. Elsa Schiaparelli, Coco Chanel und Hubert de Givenchy nannten Balenciaga den „Couturier der Couturiers“.

Als erstes der grossen „historischen“ Modehäuser lud Yves Saint Laurent zu seiner Show ein. Sie fand auf dem Baugelände des zukünftigen Geschäftssitzes statt, der prachtvollen Abtei de Penthemont aus dem 18. Jh. mitten in Paris, von der nur noch die Fassaden zu sehen sind. Auf den Marmorstufen sassen die geladenen Stars wie Catherine Deneuve, Kate Moss, Eva Herzigova oder Charlotte Gainsbourg. Wie alle anderen Gäste nass und durchgefroren. Die dramatische Stimmung wurde von heftigem Regen und Wind noch verstärkt. Welch ein Risiko, im Freien zu zeigen! Es war die zweite Kollektion des Belgiers Anthony Vaccarello (34). Wer ein so legendäres Modehaus wie Saint Laurent als künstlerischer Direktor übernimmt und einem höchst erfolgreichen Kreateur wie Hedi Slimane nachfolgt, tritt ein schweres Erbe an. Anthony liess vor der Show wissen, dass sein zweites Défilé eine Weiterentwicklung seiner letzten Kollektion sei. Er wolle nicht, dass eine Kundin der letzten Saison das Gefühl habe, „überholt“ zu sein. Man bekam viel Bein zu sehen, unter extrem kurzen Jupes. Sexy Romantik, leicht perverse Erotik? Aber Vaccarello hat nicht vergessen, was Yves Saint Laurent ausmacht: Transparenz, schwarzer Samt, Spitzen, Jacken mit breiten Schultern, Hosenanzüge und eine wahre Flut von Strass. Zu den Minikleidern aus Leder gab es hohe, geraffte Stiefel und Handschuhe, die sich in skulpturale Ärmel verwandeln.

Dries van Notentaufte sein 100. Défilé „Célébration sans nostalgie avec peu d’artifices“. Was er zeigte, führte in einen optimistischen, sonnigen Winter. Nichts ist prahlerisch, aber sehr begehrenswert. Tailleurs und weite Mäntel aus schmiegsamen Stoffen, die den Körper nicht einengen. Für seine Jubiläumsshow holte er aus früheren Kollektionen grafische, naive Drucke und lebhafte Farben zurück, aber auch berühmte ehemalige Mannequins, wie Nadja Auermann oder Alec Wek. Seine Wintermode wurde von wirklichen Frauen getragen - Durchschnittsalter 40 Jahre, – denn die einstigen Star-Mannequins haben seither ihre eigene Persönlichkeit weiterentwickelt. Sie bewiesen, dass Van Notens Mode alterslos ist. Der Belgier bekam eine „standing ovation“, das Publikum klatschte und stampfte mit den Füssen.

50 Jahre sind es her, dass Monsieur Dior mit seinem „New Look“ die Mode revolutionierte. Die Dior Kollektion Herbst/Winter 2017/2018 ist dem „Total Look“ gewidmet. Eine Symphonie in Blau. Maria Grazia Chiuri hatte für ihre zweite Prêt-à-Porter Kollektion einen Satz von Monsieur Dior im Kopf: „Von allen Farben kann nur Marineblau mit Schwarz rivalisieren“. Die talentierte römische Designerin wollte eine Garderobe, mit der jede Frau sich spielerisch ihre eigene „Uniform“ zusammenstellen kann. Dunkelblau lässt an Uniformen denken für Militär, Schulen oder Arbeit. Jeans sind doch auch eine Art Uniform. Gedacht, getan: Jeans-Stoff hielt Einzug in die Dior-Kollektion. Chiuri schwelgte in Blau: Himmelblau, Königsblau, Nachtblau, Graublau und Marineblau. Ihre Kreationen sind sportlich und gleichzeitig feminin. Kaschmirmäntel, seidene Faltenröcke, Tuniken mit Kapuzen, weite Röcke aus raschelndem Taft, Smoking, mit einem mit Strass bestickten Revers, Arbeits- und Blue-Jeans-Kleider. Alle Mannequins trugen wunderhübsche schwarze Bérets aus einem Material, das aussah wie weiches Leder. Vieles aus dieser Kollektion dürfte ein Verkaufsschlager werden.

Die unvergleichliche und unverwüstliche Vivienne Westwood spielte für ihren Ehemann Andreas Kronthaler Mannequin. Der gebürtige Österreicher ist jetzt alleine verantwortlich für die Marke, die nun offiziell „Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood“ heisst. Er hat sich für die Kollektion an seine Jugend in Wien erinnert, an die Reproduktionen der Gemälde von Klimt im Schulzimmer und die traditionelle Kinderkleidung in den zwanziger Jahren. Seidene Mäntel, Dirndlkleider und Alpenblumen fehlten nicht, auch nicht die Wanderschuhe, in denen die weiblichen und männlichen Models defilierten. Lady Vivienne, 75, stolz, witzig und genial, konzentriert sich nämlich vor allem auf ihren Kampf gegen die britische Premierministerin Theresa May und den Umweltschutz.

Unvergesslich das grandiose Finale, das sich Karl Lagerfeld für das Chanel-Défile ausgedacht hatte. „Der Himmel, die Unendlichkeit hat mich inspiriert“ verriet er. „Die Erde wäre doch traurig ohne Himmel.“ Er wolle von der Realität abheben, nie zurückschauen. Ihn interessiere nur die Zukunft. Man ist sich von seinen Inszenierungen schon einiges gewohnt, aber diesmal liess er unter der Glaskuppel des Grand Palais eine weisse, mächtige Weltraumrakete aufbauen. Er nannte sie „Gabrielle Chanel“ und das Grand Palais wurde zur Raumfahrts-Zentrale No. 5 (wie das Parfum). Am Schluss des Défilés nahm er sein Patenkind, den jungen Hudson Kroenig, an der Hand und drückte selbst auf den Startknopf: der Countdown begann. Eine Explosion, viel Rauch und unter den staunenden Blicken des Publikums flog Chanels Weltraumrakete einige Meter in die Höhe (die Glaskuppel ist natürlich ganz geblieben). Der grosse und der kleine Mann hatten mächtig Spass am dramatischen Ende dieser Modeschau.

Im Gegensatz zum futuristischen Stil von André Courrèges und Pierre Cardin, die von der ersten Mondlandung 1969 beeinflusst waren, waren die Astronautinnen von Chanel nicht revolutionär. Lagerfeld beherrscht das subtile Spiel von Schwarz und Weiss. Seine Kreationen sind retro oder futuristisch. Es gab klassische Mäntel und Tweedkleider mit metallischen Capes. Schwarze Tuniken und weisse Anzüge. Jacken und Mäntel hatten Gürtel und unter den Minijupes der Tailleurs trägt man Bermudas, perlgraue Collants und glitzernde Stiefel. Sie haben wie die mythischen zweifarbenen Chanel-Schuhe ebenfalls eine schwarze Spitze, sind jedoch fürs Weltall über und über mit Silberpailletten bestickt. Dazu gehören oft Halbhandschuhe, wie Lagerfeld sie trägt, aber aus silbernem Leder. Gekrönt wurde alles von einem mit glitzernden Perlen bestickten breiten Haarband.

Albert Kriemler vonAkris wurde vom Werk des kanadischen Künstlers Rodney Graham inspiriert. Seine Herbst- und Winter-Kollektion hiess „Eine Frau in einem Mantel mit einer Tasche“. „Das sind wahrscheinlich die beiden wichtigsten Dinge in der Garderobe einer Frau“ sagte Albert Kriemler, „denn wenn eine Frau ausgeht, greift sie automatisch nach Mantel und Tasche“. Er schuf für die Familienfirma Akris schöne Mäntel, Parkas, Trenchcoats, Jacken aus Kaschmir, Leder, Jersey, Strick, Samt oder Taft. Kriemler sagte, der liebe den Sinn für Humor in Rodney Graham’s Schaffen, dessen Foto-Serie „Der Mantelanzieher“ ihn zum Thema seiner Herbst- und Wintermode angeregt habe. Sie besteht aus sechs schwarz-weiss Fotos, die den Künstler beim Anziehen eines Mantels, einen Mantelständer und einen Mantel zeigen. Beides wurde von einer Skulptur des berühmten deutschen Künstlers Ernst Barlach (1870-1938) inspiriert, der sie damals (1913) „Der Mantelanzieher“ nannte.

Der Inder Manish Arora hat Humor und Ideen und vor allem viel Spass an der Mode und das spürte man auch bei seinem Défilé. Er hat neue Ideen, hebt sich von den anderen Designern ab. Seit zehn Jahren zeigt er seine Mode in Paris und beeindruckt mit kunstvoller indischer Stickerei-Handarbeit. Diesmal holte er sich Ideen in Afrika und bei den Azteken. Sonne, Mond und Sterne leuchteten, Sternschnuppen endeten in astrologischen Mustern, dazu ein bisschen Art Déco. Neben glitzerndem Gold und Silber verwöhnte er seine Fans mit einem Potpourri aus Senfgelb, Mandarin, Fuchsia und Königsblau.

Bildschöne Mannequins als zierliche Ballerinas sollten bei Elie Saab an das berühmte Ballett „Giselle“ erinnern. Seine romantischen Kleider waren sexy und typisch für die Lingerie-Tendenz dieser Saison. Viel Schwarz, Dunkelrot, Gold und Swarovski-Stickereien. Spitzen, Tüll, Organza, Mousseline, Samt. Alles für Kundinnen mit viel Selbstbewusstsein und Sex-Appeal… und vielen Mitteln.

Eine Mischung von Sportswear und ethnischen Impressionen beim Vuitton-Défile im Hof Marly des Louvre, dem meistbesuchten Museum der Welt. Nicolas Ghesquière zeigte lange Seidenkleider über Hosen, Lederjacken, viel Patchwork, sogar aus Pelz; die grossen Taschen wurden wie Mappen unter dem Arm getragen.

Gemna Gvasalia, der ursprünglich aus Georgien stammende Designer, ist seit Oktober 2015 künstlerischer Direktor bei Balenciaga. Daneben steht er auch an der Spitze des Kollektivs „Vêtements“. Er überraschte mit seinen ersten Couture-Kleidern. Er liebt surrealistische Effekte, liess sich von Archivfotos inspirieren. Eine neue Allüre oder wie er sagt: „Eine Fusion von Eleganz und Modernität“.

Nadège Vanhee-Cybulski liess für Hermès die Farben explodieren. Neben extralangen Mänteln, Lederröcken, langen Seidenkleidern in Tomatenrot und Apfelgrün zitronengelbe, eng anliegende Pullis. Dazu hohe Wanderschuhe, geschnürt bis zum Knie. Neben überraschenden neuen Silhouetten fehlten die klassischen und zeitlosen Hermès-Modelle nicht. Elegante und edle Sportswear-Mode für moderne, emanzipierte und willenssstarke Frauen. Wie immer bei Hermès ist der Luxus zurückhaltend und massvoll.

 

SOMMER 2017

Annemarie Mahler, Paris                                                  

MODE ZWISCHEN TRADITION UND REVOLUTION

Während eines Monats fand in New York, London und Mailand ein permanentes Spektakel statt: die Fashion Weeks. Zum Schluss der Höhepunkt: die neun Tage dauernde Pariser Modewoche. Sie ist unbestritten die wichtigste, die kreativste und internationalste dieser Veranstaltungen. Noch nie gab es so viele neue Designer aus aller Welt, die in Paris ihr Schaffen zeigen wollen, wie jetzt. Im Kalender der Chambre Syndicale wurden über 90 „offizielle“ Schauen aufgeführt. Dazu kommen an die 50 „wilde“, aber oft sehr interessante Défilés und Präsentationen. Alles zu sehen schafft allerdings niemand der 1500 anwesenden Journalisten, das ist schlicht unmöglich. Man rennt zu den Schauen, bewundert die Mädchen, die manchmal von fast unwirklicher Schönheit oder leider auch Magerkeit sind. Man ist entzückt, hingerissen oder erstaunt und konstatiert: Tendenzen gibt es praktisch keine mehr.

Paris, die historische Hauptstadt der Mode und der Haute Couture, muss sich heute neuen Herausforderungen und Problemen der Mode-Industrie stellen. Zum Beispiel der lebhaften Diskussion über den sofortigen Verkauf der Kollektionen gleich nach der Präsentation: „See now/buy now“. Wird dadurch das bisherige System explodieren? Burberry, Tom Ford, Tommy Hilfiger oder Alexander Wang haben bereits damit begonnen, während die Franzosen wie Dior, Hermès oder Chanel kategorisch dagegen sind.

In diesen ungewissen Zeiten konzentrieren sich die bekannten Designer, die in Paris ihre Kollektionen zeigen, auf ihre Arbeit und versuchen den Luxus von Morgen zu erfinden. Das Internet, - Twitter, Facebook, Instagram, - hat unser Leben, die Hierarchie der Menschen und der Dinge und damit auch die Mode tiefgreifend verändert. Erfolg bedeutete einst eine tolle Kritik in der amerikanischen Vogue oder ein Women‘s Wear Daily-Titelblatt. Heute sind die erfolgreichsten Bloggerinnen ebenso wichtig wie berühmte Moderedakteurinnen oder grosse Publikationen. Sie dürfen in der ersten Reihe sitzen und werden wie Stars behandelt. Man kommt nicht darum herum, das Wort „Mode-Zirkus“ zu gebrauchen. Journalisten, oft auch elegante Kundinnen, „blogeuses“ und „influenceurs“ mit ihren vielen Millionen von „followern“, sehen die Schauen kaum mehr. Genauer, sie sehen sie nur auf dem kleinen Bildschirm ihrer Smartphones. Wer in den hinteren Reihen sitzt, sieht das Défilé vor dem dichten Wald der in die Höhe gereckten Arme mit grossen Handys kaum mehr und wenn am Schluss des Défilés der Modeschöpfer dankend auf dem Laufsteg erscheint, dreht man ihm für ein „selfie“ den Rücken zu. Ausserdem hat man keine Hand mehr frei und kann deshalb nicht klatschen. Resultat: Applaus kurz und spärlich.

Das grosse Ereignis der Pariser Modewoche war natürlich die erste Kollektion der Italienerin Maria Grazia Chiuri für Dior. Ein Haus, das dank des Talents von Lucie Meier und Serge Ruffieux bereits begonnen hatte, sich zu erneuern. Die beiden Schweizer hatten Raf Simons interimistisch ersetzt und Kundinnen und Presse mit ihren Kollektionen begeistert. Maria Grazia Chiuri ist mit der Mode aufgewachsen, denn ihre Mutter hatte ein Couture-Atelier und sie selbst arbeitet schon seit dreissig Jahren in der Mode, zuletzt mit Pierpaolo Piccioli bei Valentino. Nach dem verlockenden Angebot von Dior wurde der Familienrat einberufen. Rom zu verlassen würde nicht einfach sein. Ihr Mann besitzt dort eine Hemdenfabrik und die beiden Kinder studieren. Aber alle haben Maria Grazia ermutigt, nach Paris zu gehen.

Zum ersten Mal in der langen Geschichte des renommierten Modehauses Dior steht heute eine Frau an der Spitze der Kreation. Für die platinblonde Römerin soll sich das Erbe von Monsieur Dior nicht auf die fünfziger Jahre beschränken. „Nach der Gründung seines Hauses 1947 lebte Christian nur noch 10 Jahre.“ Damit erinnerte Maria Grazia an den unerwarteten Tod 1957 des damals erst 52jährigen Couturiers. „Alle seine Nachfolger wie Yves Saint Laurent, Marc Bohan, Giancarlo Ferré oder John Galliano sind doch wichtig.“ Die 52jährige Maria Grazia will kein Star sein, sondern eng mit einer Equipe arbeiten. Sie ist begeistert von Diors Schneiderinnen. Für ihre Prêt à Porter Kollektion hat sie sich von einer Sportart inspirieren lassen, dem Fechten. „Eine Disziplin, in der das Gleichgewicht zwischen Denken und Aktion das Wichtigste ist. “ Man solle sich so anziehen, wie man sich fühle, meint sie. Das Alter spiele in ihrer Kreation keine Rolle und sie brauche keine Marketing-Studien um zu wissen, was gefallen könnte. Es hat gefallen. Leichte Stoffe wie Tüll, Georgette und Seidenmousseline. Kleider und Taschen mit Bienen, einem traditionellen Dior-Symbol, bestickt. Interessant die athletischen weissen Tenus. Schön die Spitzenblusen, die wunderbar bestickten Tüll-Kleider, ihrer Version der berühmten Bar-Jacke und schöne schwarze Mäntel. Aus Gallianos Slogan „Dior, j’adore“ hat sie „J’ADIORE“ gemacht. Maria Chiuri hat ihre Feuertaufe bestanden, aber erst bei der Haute Couture im Januar 2017 wird sich zeigen, was sie wirklich kann.

 „Technologie“ zusammen mit „Lingerie“ ergibt „Intimate Technology“. So erklärte Karl Lagerfeld mit seinem trockenen Humor den Namen seiner Kollektion. Er weiss: vor jedem seiner Défilés im Grand Palais warten alle mit Spannung auf das Dekor, das sich der grosse Karl wieder hatte einfallen lassen. Passend zur Technologie liess er ein Computer-Zentrum errichten. Metallschränke mit Hunderten von bunten Kabeln. Zwei Roboter-Mannequins in klassischen Chanel-Tailleurs eröffneten die Show und erinnerten an den zeitlosen Chanel- Stil. Die Zukunft ist schon da. Das futuristische Bühnenbild zeugt davon. Ärmellose Mantelkleider, darunter neckische Deshabillés. Tweed-Tailleurs mit grellen Farben bestickt, neutral und futuristisch. Wird der Reissverschluss geöffnet, kommt delikate Spitzen-Lingerie zum Vorschein. Alles ist jung, pop und farbig. Fast alle 86 Modelle, die vor 2660 Zuschauern defilierten, waren mit Lingerie ausgestattet. Aus Seide, mit Fransen, Négligés in den bunten Farben der Computerkabel. „Diese Lingerie hat nichts mit „Victorias Secret“ zu tun“ ironisiert Lagerfeld. „Alle inspirieren sich von Disco und den achtziger Jahren. Man muss in der Gegenwart leben und schliesslich ist es die Elektronik, die unsere Epoche definiert.“ Wer hätte gedacht, dass die Chanel-Tailleurs des 21. Jahrhundert so charmant und sexy sein können?

Zwei weitere Premieren mit neuen Designern waren angesagt. Alle Saint Laurent-Fans warteten gespannt auf die Show von Anthony Vaccarello, der dort mit 36 Jahren seinen erfolgreichen Vorgänger Hedi Slimane ersetzt, welcher den Umsatz von YSL in schwindelnde Höhen hatte steigen lassen. Wie Vacarello hat auch Buchra Jarrar ihr eigenes Modehaus aufgegeben, um bei Lanvin den überaus beliebten Alber Elbaz abzulösen, der auf eher unelegante Art und Weise vom Modehaus nach 14 erfolgreichen Jahren entlassen wurde. Frankreich hat den Modeschöpfer Elbaz aber nicht vergessen und verlieh ihm während der Modewoche die „Légion d’Honneur“, die höchste Auszeichnung des Landes, die ihm von Kulturministerin Audrey Azoulay übergeben wurde. Neben vielen prominenten Freunden applaudierten ihm auch die Schauspielerinnen Demi Moore und Kristin Scott Thomas. Alle waren gerührt, als Elbaz aus seiner Tasche einen Fingerhut zog und erzählte, dass er ihn von einer Kundin bekommen habe. „Sie sagte mir, ihre Mutter sei Näherin gewesen und habe das Konzentrationslager dank ihres Könnens überlebt. Ich trage dieses Geschenk immer auf mir. Es ist mir eine Lehre fürs Leben.“ 

Nach zwei Jahren Funkstille ist der Belgier Olivier Theyskens mit seiner eigenen Marke zurück, die er selbst finanziert. John Galliano ist auf seine Art ein Überlebender. Nachdem er lange bei Christian Dior glänzte, stürzte er nach mehreren Ausrutschern und Skandalen ins Leere. Es sieht ganz so aus, als ob der sensible, exzentrische, aber hochbegabte Modeschöpfer beim belgischen Modehaus Maison Margiela seine kreative Stärke wieder gefunden hat. Er hat ein Auge für Streetwear und mixt sie wie keiner mit anderen Kreationen. Eine Mischung aus Stil und Extravaganz. Während sehr viele Modeschöpfer vor allem Abend- und Party-Kleider zeigten, machte Hermès eine Ausnahme. Die diskrete Nadège Vanhee-Cybulski entwirft Kleider für Frauen, die arbeiten und auf verantwortungsvollen Posten stehen. Ihre Kleider – keine Tailleurs – besitzen ein echtes Gleichgewicht zwischen gedämpftem Luxus und praktischer Eleganz. Das altrosa Hemdkleid aus Baumwolle, der Trenchcoat aus Denim und die Parkas aus Seidentaft haben jugendliche Energie. Pink scheint ein sommerlicher Trend zu sein: auch Balenciaga, Celine und Valentino sehen „La vie en rose“. Elie Saab schwärmte schon als Junge von Disco: Viel Musik, Imprimés, Pailletten und Gold. Nun erlaubt er sich einen Blick zurück in die siebziger und achtziger Jahre. „Ich hatte Lust auf ein Fest.“ Der Inder Manish Arora lebt in New Dehli, wo man ihn den „John Galliano Indiens“ nennt. Seine optimistische Verrücktheit gefällt in Paris. „La vie est belle“ taufte er seine Kollektion. Zu seinen bunten glitzernden Kreationen trugen die Mannequins unglaubliche Plastik-Perücken. Demna Gvasalia, der Deutsch-Georgier bei Balenciaga, ist ein Phänomen. Seit er sein höchst erfolgreiches Kollektiv „Vêtements“ vor zwei Jahren gegründet hat, ist er auch international der Mann, von dem alle sprechen. Julie de Libran, die Designerin der Marke Sonia Rykiel, hat der grossen, im August verstorbenen Modeschöpferin ein schönes, sehr würdiges Défilé gewidmet: “Rykiel forever“. Natürlich hat sich die Epoche verändert, seit Sonia in den sechziger Jahren ihre Pullis lancierte, aber sie hätte grosse Freude gehabt an den Mädchen in den weiten Hosen, den Minikleidchen aus Baumwolle, den langen Röcken mit den frischen Imprimés und den oversized Matrosenblusen.

Eine ganze Bande junger, vielversprechender Talente glaubt an eine echte Wiedergeburt der Mode. Sie zeigten ihre Kreationen in Wohnungen, Garagen und Ateliers, Freunde und Freundinnen führten sie vor. Sie wollen die Mode erneuern und sind sich im Klaren darüber, dass sie auch die kommerziellen Seiten ihres Berufes in Betracht ziehen müssen. Viele haben wichtige Preise gewonnen. Zu ihnen gehören der bereits sehr erfolgreiche Südfranzose Simon Porte Jacquemus, Johanna Senyk und ihre Marke „Wanda Nylon“, Christelle Kocher mit „Koché“ oder Glenn Martens und Léa Peckre. Ihre Zukunft ist noch unsicher, aber sie haben nicht nur grosses Talent, sondern auch viel Energie und Selbstvertrauen.