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PRÊT-À-PORTER Sommer 2019

PARISER FASHION WEEK SOMMER 2019

Annemarie Mahler, Paris

Sneakers sind von den Pariser Laufstegen verschwunden. Man sieht sie nur noch an den Füssen der Journalisten und Fotografen, die den neuntägigen Mode-Marathon der Fashion Week absolvieren. Mokassins, Stiefelchen und Pumps sind wieder da. Natürlich sind die Themen Sport und Natur aus der Mode nicht mehr wegzudenken. Es gibt weiterhin Anoraks, T-Shirts, Trenchcoats und geländegängige Schuhe, aber man spürt, dass da eine Lust nach mehr Eleganz und Raffinement existiert. So findet man in den Sommerkollektionen 2019 von Hermés, Balenciaga, Valentino oder Givenchy eine gewisse Sehnsucht nach zeitlos elegantem Luxus.

Auch Fashion Weeks sind Opfer von Modeströmungen und seit einem Jahr spürt man immer mehr, dass die internationale Presse und die Einkäufer weniger nach Mailand, London und New York, sondern, auch aus Spargründen, am liebsten nach Paris kommen, wo die weltweit erfolgreichsten Luxuslabels wie Vuitton, Chanel, Saint Laurent und zum ersten Mal auch Gucci ihre Frühjahrs- und Sommerkollektionen 2019 zeigten. Die schönsten Pariser Monumente trugen zur Magie der Schauen bei. Der glitzernde Eiffelturm wachte über das Défilé von Saint Laurent, der goldene Invalidendom über die erste Celine-Show von Hedi Slimane und die Pyramide des Louvre-Museums war ein wunderbarer Hintergrund für den Schluss der neuntägigen Fashion Week: Louis Vuitton.

Nichts ist unmöglich für Karl Lagerfeld, der seinen Look erneut radikal verändert hat. Anfangs Jahr war es der weisse Bart, jetzt ist die Sonnenbrille mit den schwarzen Gläsern weg; man sieht endlich seine Augen. Mit Hilfe von ein paar Euro-Milliönchen hat er für das knapp 20 Minuten dauernde Chanel-Défilé unter der Glas-Kuppel seines geliebten Grand Palais ein Postkarten-Dekor aufbauen lassen. Die Zuschauer sassen an einem realistischen weiss-goldenen Sandstrand, die Mannequins wateten barfuss durch die echten Wellen des falschen Meeres, liessen ihre Schuhe an der Hand baumeln. Sie waren auf Sylt, wo der kleine Karl als Kind mehrmals seinen Urlaub verbrachte. Malibu Baywatch-Nixe Pamela Anderson, von Kopf bis Fuss im weissen Chanel Outfit, fand alles höchst vergnüglich. Vogue Mode-Päpstin Anna Wintour, in einem wadenlangen, lila Chanel-Tweedtailleur, war ebenfalls sehr angetan von dieser frisch-fröhlichen Sommergarderobe, von der man alles haben möchte! Schmale, schlichte Sommerkleider mit Reverskragen und hoher Taille, Variationen vom „Kleinen Schwarzen“, kurz, weit, lang, transparent, matt oder glitzernd bestickt, Tweed und immer wieder Tweed. Blazer, kurze Mäntel und Jacken mit ausgestellten halblangen Ärmeln, weite Hosenröcke, Strick mit Marine-Motiven, bestickte Strandkleidchen, Badeanzüge mit Volants, rosa Ledershorts. Alles sommerlich bunt: Gelb, Neon-Pink, Türkis, Weiss und Beige. Die Silhouetten sind weiter und durch Schulterpolster wie in den achtziger Jahren wieder breiter.

Die Britin Claire Waight Keller bei Givenchy überzeugte erneut von ihrem Können. Sie ist eine der bevorzugten Modeschöpferinnen von Meghan Markle, deren Hochzeitskleid sie entworfen und realisiert hatte. Keller widmete ihre Frühjahrs- und Sommermode der Schweizerin Annemarie Schwarzenbach, Schriftstellerin und Abenteurerin. Eine erstaunliche und hochbegabte Frau, die 1942 mit erst 34 Jahren starb. Annemarie Schwarzenbachs starker Charakter, ihr aufregendes Leben, ihre knabenhafte Allüre und natürliche Eleganz inspirierten die Modeschöpferin zu einer ultramodernen Couture-Linie voller reicher Ideen. Mantelkleider, Hosen mit hoher Taille, knöchellange Plissee-Kleider, lange Kleider mit Mikroblumen bedruckt und Silberstickereien.

Die erfolgreiche Beatles-Tochter Stella McCartney ist heute alleinige Besitzerin ihres Modelabels. Sie war eine der ersten, die den Nachhaltigkeitsgedanken, – kein Pelz, kein Leder, – im Segment der Luxusmode erfolgreich etablierte. Sie arbeitet mit umweltfreundlichen Textilien wie Bio-Baumwolle, vegetarischem Kunstleder, regenerierter Kaschmirwolle aus Abfallgarnen oder nachhaltig hergestellter Viskose. Wie einige ihrer Kollegen zeigte auch sie Herren- und Damenmode zusammen, beeinflusst durch die neunziger Jahre. Oversize-Anzüge, weite Hosen für Sie und Ihn, Joggingjacken aus Fliegerseide und zarte, transparente Roben, gesmokt und gerüscht. Neon und Pastelltöne neben Kaki und Sand. Ihr Overall aus Batik-Bio-Denim wurde von Kaia Gerber, Cindy Crawfords Tochter, vorgeführt. Wie einst ihre schöne Mama ist Kaia das absolute Star-Model des Augenblicks. Stella McCartney ist nicht unschuldig an der Tatsache, dass die Modeindustrie beginnt, sich um Umweltfragen zu kümmern. Es ist zwar kein Thema für die Sommermode, aber immer mehr Marken verzichten darauf, echten Pelz zu verarbeiten und viele junge Designer verwenden heute qualitativ hochstehenden Kunstpelz.

Der Kunst- und Architekturliebhaber Albert Kriemler blieb sich treu und hat für seine elegante Akris Sommermode eng mit der rumänischen Künstlerin Geta Bratescu zusammengearbeitet. Für sie sollte Kunst Freude ins Leben bringen. Er habe Geta an der documenta 14 entdeckt und sei sofort von den Farben und dem intensiven Pink begeistert gewesen. Die Künstlerin starb, nur 11 Tage vor dem Akris-Défilé, mit 92 Jahren. Wo andere Showbusiness-Grössen in ihren ersten Reihen sitzen haben, kommt eine echte Hoheit zu Akris: Fürstin Charlene von Monaco, seit Jahren eine treue Kundin von Albert Kriemler. Zur Schau trug sie ein schwarzes Rollkragen-Top aus Spitzen mit dazu passendem Rock. Es gab viel Pink zu sehen. Seidencrêpe-Blusen mit wehendem Kragen zu schmalen schwarzen Hosen. Schwarz-weisse Fotoprints von Grafiken und Fotografien der rumänischen Künstlerin auf Seidenplissee-Kleidern und Taftmänteln. Popartige Augen und Münder auf Kriemlers Double Face-Mänteln und Jacken aus Wolle und Kaschmir.

Maria Grazia Chiuri, wie viele andere Modeschöpfer vor ihr und im besonderen Monsieur Dior, liebt den Tanz. Für ihr Dior-Défilé schuf sie eine Ballett-Kollektion, athletisch, romantisch, ernst. „Mich interessiert nicht, wie sich die Menschen bewegen, sondern warum“, sagte die grosse zeitgenössische Tänzerin und Choreographin Pina Bausch. Unter diesem Motto stand die Schau, bei der neun Tänzer die Mannequins umgaben. Die Designerin liess 200 Kilo Rosenblätter auf ihr poetisches Ballett regnen. Anmutsvoll und grazil waren die Mannequins, gekleidet in Beige, pudrigem Rosa oder zartem Grau. Sie trugen eng anliegende Bodies, ärmellose Tops aus Strick, zu langen Plisséeröcken, Bermudas, Leggins bis Mitte Wade, weite Hosen, silberne und afrikanische Stickereien.

Im Gegensatz zur Tendenz einer „bescheideneren Mode“ stellt der Saint Laurent Designer Anthony Vaccarello frech und gekonnt zur Schau, was Weiblichkeit ausmacht. Teuflisch kurze Säume und Ausschnitte. Der berühmte YSL Damen-Smoking kam als „Swimsuit“ daher, halb Badehose, halb Smoking. Glamour wird bei Vaccarello gross geschrieben. Westernshirts, Python-Boots, Samtjacken für Rockstars und Mikroshorts und Mikro-Kleidchen für ihre Groupies, suggestiv transparente Mousseline-Abendkleider und Plateau-Sandalen aus Laméleder oder bedruckter Seide. Die Models liefen buchstäblich auf dem Wasser, dank einem optischen Spezialeffekt. Das Podium war mit einer 8mm dicken, mit Wasser gefüllten Plastikfolie bedeckt. Ein schickes Schauspiel zwischen Eiffelturm und Trocadero.

Alessandro Michele, der römische Gucci-Designer, ist zur Zeit das legendäre Idol der modesüchtigen Welt. 2015 kam er zur Weltmarke und zwei Jahre später hatte sich deren Umsatz explosionsartig verdoppelt. Er liebt Paris und zeigte seine Kollektion im Le Palace, heute ein Theater, aber einst legendärer Nachtclub der Jahre 1970 -1980, wo eine sinnesfreudige Elite (Karl Lagerfeld, Yves Saint Laurent, Mick Jagger, Grace Jones, etc.) feierte. Michele liebt es zu schockieren, mischt gerne Klassik mit Folklore. Es gab surrealistische Kleider und explosive Farben zu sehen, dazu blumenbedruckte Kleider, falschen Pelz, T-Shirts aus Latex, Maxi-Schmuck aus Nepal und Cowboyhüte. Micky Maus wird dieses Jahr 90 Jahre alt und zur Feier wurde ihr Kopf zu einer Gucci-Handtasche. Es war romantisch, exzentrisch, extravagant und amüsant.

Glücklicherweise hat er noch viele Fans, der geheimnisvolle Hedi Slimane, neuer Kreativdirektor mit nahezu grenzenlosen Befugnissen bei Celine, denn nach seinem ersten Défilé, das er „Nächtliches Tagebuch der Pariser Jugend“ nannte, waren fast alle Kritiken eher negativ. Es war wohl die wichtigste und mit grösster Spannung erwartete Kollektion der Pariser Fashion Week. Man bekam eine androgyne Rock n Roll-Show zu sehen. Purer Slimane-Stil. Keine Spur mehr von Celine, wo die Engländerin Phoebe Philo in den letzten zehn Jahren sehr erfolgreich eine minimalistische, aber stilvolle Mode für selbstsichere Frauen gemacht hatte. Fazit: Slimane hat sich nicht erneuert. Man sah, was er schon bei Dior Homme und bei Saint Laurent erfolgreich realisiert hatte. Er meint dazu, er habe seinen Stil vor 20 Jahren gefunden – und dem sei er verpflichtet. Zwei Jahre nach seinem Ausstieg bei Saint Laurent, wo er der Besitzergruppe Kering traumhafte Gewinne erwirtschaftete, erhofft jetzt der Konkurrent und neue Arbeitgeber LVMH (Bernard Arnault), dass der Slimane-Effekt den Umsatz vervielfacht.

Zum Schluss der Schauen konnte man Nicolas Ghesquière und seinen spektakulären Remix für Louis Vuitton in der grandiosen Kulisse des Louvre bewundern. Im Innenhof liess er einen verspiegelten und weitverzweigten Glastunnel aufbauen, eine kühle, schwarze Container-Architektur mit weissen Neonröhren, wo das Licht dank Bewegungsmeldern den Schritten der Models folgte. Es gab Sportswear-Looks, bunte Blusen mit wilden Mustern, Kleider mit weiten Ballonärmeln, androgyne Business-Eleganz, T-Shirt-Kleider, uniformähnliche Jacken und Mäntel mit breiten Schultern. Exotische Eindrücke aus Japan und Ägypten rundeten die reiche, sehr feminine Schau ab. Man pflegte zu sagen, dass die Mode von Ghesquière den Frauen Macht, Stärke und Selbstvertrauen vermittle. Eigentlich tun das alle Kleider, wenn man sich wohl darin fühlt.