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PRÊT-À-PORTER Winter 2019/20

PARISER FASHION WEEK WINTER 2019/20

Annemarie Mahler, Paris

Paris bildete den Schluss des Reigens der Fashion-Weeks von New York, London und Mailand und bewies von neuem, dass es mehr denn je die Welthauptstadt der Mode ist.

Immer mehr profitieren junge Designer oder nicht so bekannte Marken vom Ereignis und zeigen am Rand der 76 offiziellen Défilés und Anlässe ihre Kreationen. Bei etablierten Marken wie Ricci, Lanvin oder Lacoste zeigten neue Kreateure ihr Talent und begeisterten durch ihren Wagemut. Echte Pelze hat man kaum mehr gesehen. Wie Stella McCartney sind alle mehr und mehr umweltbewusst. Die Modewochen von Paris bringen viel Geld, nämlich 1,2 Milliarden €, dank den Besuchern, die zu 80 % aus dem Ausland kommen. Die schönsten Monumente und öffentlichen Plätze werden von den grossen und reichen Modehäusern für ihre Schauen gemietet. Yves Saint Laurent hat zum Beispiel der Stadt Paris 400 000 € Miete für den Platz der Brunnen am Trocadero vis-à-vis des Eiffelturms bezahlt, um dort Laufsteg und Zelt für die 15 Minuten dauernde Show mit 600 Gästen aufzubauen. Das verdarb den Touristen wochenlang die Freude an schönen Erinnerungsbildern.

Louis Vuitton, eine der Lieblingsmarken von Brigitte Macron, mietete den Innenhof des Louvre-Museums, um dort das Centre Pompidou aufzubauen – ein Museum im Museum. Denn Nicolas Ghesquiere liebt eben die Periode der achtziger Jahre, die er mal als „die Zeit, in der Frankreich beschloss, modern zu werden“ beschrieb. Sein Défilé war das letzte der Pariser Mode-Woche zum nächsten Winter. Explosive Farben für Blusen und Kleider, als kämen sie direkt aus dem Museum Pompidou: Blau, Grün, Rot und Gelb. Pailletten glitzerten auf den Röcken, die Schultern waren sehr strukturiert. Cape-Jacken und Kleider aus Tweed, mit Glitzersteinen bestickt, Stiefelchen aus geflochtenem Leder und futuristische Kappen aus Leder. Alles jung und voller Energie.

Sportswear hat in den vorherigen Modewochen triumphiert, aber diesmal setzten die Designer mehr auf eine Couture-Allure. Ob wohl die Brexit-Debatte einen Einfluss auf die Herbst- und Wintermode 2019/20 hatte? Tartanmuster, Tweed, Kilts und die Union Jack Fahne auf Pariser Laufstegen. Noch nie hat man so viele Schottenkaros und englische Stoffe gesehen. Verständlich bei Sarah Burton, der hochtalentierten Nachfolgerin von Alexander McQueen. Sie zeigte wohl die „männlichste“ Damenkollektion. Die meisten der von ihr verwendeten Materialien kommen aus ihrer Heimat Cheshire in Nordengland, dem Herzen der englischen Stoffindustrie. Flanell mit Nadelstreifen, Prince of Wales-Karomuster, ein schwarz-weisser Kaschmirmantel. Es ist ihr gelungen, englisches Herrenschneiderhandwerk und traditionelle Stoffe „made in England“ gleichzeitig klassisch, weiblich und rebellisch aussehen zu lassen.

Auch Albert Kriemler hat sich für Akris in England umgesehen, wo es ihm vor allem das schwarz-blau-grüne Tartanmuster des schottischen Black Watch-Regimentes angetan hat. Ein deutlicher Trend für nächsten Herbst und Winter, auch bei Celine, Dior, Chloé oder Burberry. Kriemler lässt sich immer wieder von Kunst inspirieren. Diesmal von Richard Artschwager und Goethes Farbtafel-Drucken. Bunte Farbquadrate und Rosshaar-Inlays für Doubleface-Mäntel. Neben den geometrischen Mustern viele Ton in Ton-Ensembles, wie sie ähnlich auch bei Elie Saab, Valentino, Lemaire oder Talbot Runhof zu sehen waren.

Maria Grazia Chiuri hat sich für ihre Dior-Kollektion ebenfalls vom englischen Stil beeinflussen lassen und den „new look“ der fünfziger Jahre aufleben lassen. Damals überquerte Monsieur Dior den Ärmelkanal und schuf für die wunderhübsche Prinzessin Margaret, die Schwester der Königin, ein märchenhaftes Ballkleid. Chiuri liess sich von den damals populären „Teddy Girls“ inspirieren, junge Engländerinnen, die gegen die Strenge und die Sparpolitik der Nachkriegsjahre revoltierten und Nahrungsmittelkarten lieber gegen Jeans und Lederjacken eintauschten. Diors legendäres „Bar-Tailleur“ in einer männlicheren Version, gefältelte Röcke, betonte Taillen und viel Schottenmuster in rot und schwarz. Ein Mix aus Klassik, Schönheit und sanfter Rebellion.

Der Belgier Anthony Vaccarello ist seit 2016 künstlerischer Direktor des Hauses Saint Laurent. Was man sonst nirgends sieht, findet man auf dem Laufsteg von Saint Laurent. Der Designer glaubt an die Freiheit, genau wie einst Yves Saint Laurent, der gerne schockierte. Vaccarellos Frauen sind Eroberinnen, stark, sexy und ohne Angst. Sie laufen auf schwindelerregend hohen Absätzen, haben unendlich lange Beine, ihre Kleider und Shorts sind oft microkurz, enden wo der Schenkel beginnt und ihre Jacken mit den extrem weiten Schultern und die langen, imposanten Mäntel tragen sie direkt auf dem nackten Oberkörper.

Ob Pier Paolo Piccioli für Valentino, Clare Waight Keller von Givenchy oder Hedi Slimane bei Celine, alle drei respektieren die Wurzeln ihrer Häuser. Die englische Designerin vereint in ihren Kreationen für Givenchy Strenge und Weiblichkeit, Geometrie und sanfte Linien. Sie beherrscht den Schnitt, das Volumen und die Konstruktion eines Kleidungsstückes. Hedi Slimane hat für seine zweite Celine-Kollektion einhelligen Applaus bekommen. Er hat beibehalten, was die Eleganz von Celine ausmachte, dazu eine gekonnte Mischung der siebziger Jahre mit einem Schuss Super-Rock. Eine Mode, die alle tragen möchten. Kein einziger Mini war zu sehen, sondern züchtige Hosenröcke aus kariertem Tweed, die bis übers Knie und länger reichen. Karierte Retro-Faltenröcke, Pailletten-Blouson, Wollpullover unter kariertem Blazer mit Slim-Jeans und lange, fliessende Kleider, hohe Lederstiefel mit Keilabsätzen und lammgefütterte Overknees. Die Kollektion von Pier Paolo Piccioli für Valentino stand unter dem Zeichen der Liebe. Wie Elie Saab verkauft auch das italienische Modehaus vor allem Träume. Der erste Look, der in der lichtdurchfluteten Halle, eigens für die Schau am Invalidendom aufgebaut, war ein weiter, offener Mantel über einem schwarzen Minikleid mit kunstvoll aufgenähten Rosen und einem Fotoprint mit Rodins „Der Kuss“. Ein Bild, das sich als Leitmotiv durch die ganze Kollektion zieht. Für die jungen Kundinnen poetische Trapez-Minikleidchen und Maxi- Volumen für Mini-Mäntel. Viel Transparenz, hauchdünner, mehrlagiger Tüll und zarte Stickereien, weite Hosen und lang wallende, hauchdünne Abendroben in pudrigen Pastelltönen Gelb, Blau, Nude oder Schockfarben wie grelles Rot und Pink.

Schauplatz des Hermès-Défilés war der Innenhof der Kaserne der Kavallerie der „Garde Républicaine“. Die Chefdesignerin Nadège Vanhee-Cybulski kennt die Geschichte des Leder-Traditionshauses sehr gut. Details aus dem Reitsport gehören immer zu den Kollektionen. Ihre Mode ist edel, teuer und schick. Viele schwarze Leder-Ensembles aus Slim-Hosen und Blazer oder aus engem Rock und klassischer Biker-Jacke. Sehr weibliche Silhouetten dank eng geschnittenen, hochtaillierten Bleistiftröcken, Seidenblusen, ultraknappen Ledershorts kombiniert zu John Wayne-Blusen und Kaschmir-Mantel. Die dominierende Farbe ist Nachtschwarz, neben Blau, Marine, Beige, dunklem Grün und selbstverständlich dem berühmten Hermès-Orange. Die Models waren, wie schon bei Celine, oft geschlechtlich uneindeutig mit ihren kurzen Haaren, breiten Schultern und extremen Wangenknochen.

Seit 2017 hat die 39-jährige Französin Natacha-Ramsay-Levi die kreative Leitung bei Chloé. Lagerfeld, so sagte sie beim Antritt ihres neuen Postens, habe für sie schon als Kind das Bild der Chloé-Frau geprägt. Bei ihrer Schau lagen auf den Sitzreihen Postkarten mit alten Fotos und Zitaten von Karl Lagerfeld. Eine Verneigung vor dem Verstorbenen, dem Chloé über zwei Jahrzehnte seinen Erfolg verdankte. Auch sie dachte bei ihrer Winter-Kollektion an England. Vielleicht auch dank Brexit laufen die Mannequins in Shetland-Pullovern durch die schottischen Highlands, tragen viel Karo, Trenchcoats in diversen Variationen, schmale Tweedhosen, kombiniert mit einer wasserblauen Satin-Bomberjacke und sportliche Reiterhosen, die in bequem und chic aussehenden Stiefeln getragen werden. Eine Interpretation der Chelsea-Boots mit verlängertem Schaft, Strickeinsätzen und halbhohen Blockabsätzen. Fliessende, lange Seidenkleider, Blümchenmuster, Rüschen und Volants und zarte Lingeriekleider mit Spitzen.

Für seine letzte Chanel-Modeschau war Karl Lagerfeld nicht mehr dabei – und doch so präsent. Ein Abschiednehmen in Schwarz und Weiss, mit vielen Tränen unter der Kuppel des Grand Palais. Künstlicher Schnee, heimelige Chalets aus Holz mit rauchenden Kaminen. Seine liebsten Models defilierten in der von ihm ausgedachten Kulisse. Viel Tweed, Schottenmuster, grosse Capes. Alles war leicht, raffiniert, ja strahlend. Viele Stars waren gekommen, unter ihnen Naomi Campbell, Claudia Schiffer, Monica Bellucci oder Marion Cotillard. Alle trugen Chanel und die Schauspielerin Penelope Cruz, das neueste Werbegesicht des Hauses, defilierte im schneeweissen Minikleid und einer weissen Rose in der Hand.

Virginie Viard, die offizielle Nachfolgerin von Karl Lagerfeld, zeigte sich nur ganz kurz nach dem Défilé. Sie lernte Karl 1987 bei einem Praktikum bei Chanel kennen. 1999 kam sie zurück, wurde Karl Lagerfelds Auge, Ohr und Hand. Die Aufgabe der jungen Frau war es, seine Visionen verständlich zu machen. Virginie, mit ihm an der Spitze der Kreation, blieb stets im Hintergrund. Als Directrice des Studios leitete sie bis zu 200 Schneiderinnen, aufgeteilt in vier Ateliers. Zwei „flou“ und zwei „tailleur“. Sie überwachte acht Kollektionen im Jahr: Haute Couture, Prêt-à-Porter, die Croisière- und Pré-Kollektionen und besonders gerne die Métiers d’Art-Kollektion, für die sie jeweils unter 400 Stoffmustern auswählen musste. Virginie nahm KL die unangenehmen Dinge ab. Nicht immer ist alles glatt gelaufen, aber es blieb stets der gegenseitige Respekt. Sie sagt: „Er war amüsant, eine väterliche Figur ohne Alter“. Er sagte von ihr: „Sie ist meine rechte und meine linke Hand.“