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PRÊT A PORTER SOMMER 2020

PARISER PRÊT A PORTER SOMMER 2020

Von Annemarie Mahler, Paris

Mitten in der Klimakrise hat die Mode, die als eine der umweltschädlichsten Industrien der Welt gilt, ihre hauseigene Revolution begonnen. Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind grosse Mode bei der Mode. Und so stand die Pariser Fashion Week ganz im Zeichen des Umweltschutzes. 

Die Pariser Mode-Woche gibt es seit 1973. Soll man jetzt wegen des Klimawandels die auf der ganzen Welt immer zahlreicher werdenden, mehr oder weniger wichtigen Modewochen absagen oder gar boykottieren? Soweit ist es zwar noch nicht, aber im Sommer 2019 haben die Schweden (Greta Thunberg lässt grüssen!) ganz einfach ihre Mode-Woche annulliert. In London gab es heisse Diskussionen mit dem British Fashion Council, um die Londoner Fashion-Week zu annullieren. Die Umwelt-Aktivisten haben diese Schlacht nicht gewonnen, aber man hat ihnen versprochen, ein „Institut der positiven Mode“ zu lancieren, das den Marken helfen soll, einen Weg in die Energiewende zu finden. Denn fast alle sind sich einig: wir müssen das heutige System überdenken. Dazu gehört auch die neue Generation von Stilisten, die dabei ist, historische Marken wie Patou, Nina Ricci oder Schiaparelli neu aufleben zu lassen.

Grüner Alarm

Die Alarmglocken sind nicht zu überhören. Die Modeindustrie verbraucht jedes Jahr 93 Milliarden Kubikmeter Wasser und stösst 1,2 Milliarden Tonnen von CO2 aus. Im September 2019 haben in Paris an die 150 Marken, Luxus-Giganten und unabhängige Gruppen einen „Fashion Pact“ unterzeichnet. Sie wollen mehr Verantwortung übernehmen, nicht mehr dem frenetischen Produktionsrythmus folgen und sich für eine nachhaltige Mode einsetzen. „Slow Fashion“, langsame Mode ist angesagt. Man verzichtet auf Plastik, will die natürlichen Ökosysteme schützen, keine Wegwerfmode mehr produzieren. Pierre Cannet vom WWF Frankreich warnte: Wenn es nur darum geht, immer mehr Kleidung zu verkaufen und dabei erneuerbare Energien einzusetzen, wird es Umwelt und Klima nicht helfen. Das Prinzip der „Fast Fashion“, die Überproduktion und immer mehr Kollektionen pro Jahr, muss in Frage gestellt werden.“

Der Luxusgüterkonzern Kering (Gucci, Saint Laurent, Bottega Veneta, Balenciaga, Alexander McQueen, etc.,) hatte am 24. September eine Erklärung abgegeben, wonach er sich zur vollständigen Klimaneutralität im eigenen Unternehmen und der gesamten Lieferkette verpflichtet. Der LVMH-CEO Bernard Arnault erklärte: „Klimaschutz ja, aber nur in Kombination mit Wachstum“. Dieser Konzern, zu dem Dior, Vuitton, Givenchy, Celine, Pucci, Fendi, Kenzo, Loewe, Patou, etc. gehören, hat gerade eine grosse Nachhaltigkeitskonferenz in Paris abgehalten und der Mehrheitseigner Arnault, der sich nicht nur finanziell am Unternehmen der supergrünen Stella McCartney beteiligt, hat die unbestrittene Vorkämpferin in Sachen Nachhaltigkeit zur Beraterin bei LVMH ernannt.

Saison-Tendenzen für Frühling – Sommer 2020

Man spürte einen Hauch von mehr Freiheit, Fröhlichkeit und Normalität in den Kollektionen. Üppig, manchmal ein bisschen dekadent, aber auch zart und empfindsam, immer auf der Suche nach Schönheit. Klassiker wurden dank erfindungsreichen Schnitten und Farbkombinationen jünger. XXL-Volumen darf man ohne Hemmungen übereinander tragen. Kastanienbraun ist die neue Farbe für die Sommergarderobe, aber auch Camel und Beige sind sehr beliebt. Die Farben sind leuchtend, fantasievoll, amüsant und manchmal überrascht ein Total-Look in Rot oder Orange. Nicht wegzudenken das klassische Schwarz, nie falsch am Platz. Bei fast allen Couturiers gab es feminine Tailleurs in vielen Variationen. Weichere Linien, oft mit Seidenblusen. Viel, viel Bein und dazu Shorts, Bermudas und 7/8-Hosen. Jacken, Hosen, Hosenröcke und Kleider aus Jeans-Stoff fehlten nicht, womit auch „Sportswear“ auf den Laufsteg kam. Zurück aus den neunziger Jahren die richtig hohen, klobigen Plateausohlen. Gemustert, geblümt, als Stiefeletten bei Dries van Noten oder als Sandalen in edlem Wildleder bei Hermès.

Mannigfache Laufsteg-Welten

Unter dem gruseligen Namen „Marée noire“, (Ölpest), eröffnete die 27jährige Marine Serre den erstenTag der Pariser Fashion Week. „Upcycling“ ist ihr Thema, seit sie damit 2017 den renommierten LVMH-Preis gewann. Sie zeigte auch diesmal, wie gut alte Handtücher, Bettlaken, Schals, Jeans, Häkeldecken oder Neoprenanzüge zur Couture taugen. 80 % der Materialen und Stoffe ihrer Kollektion sollen wiederverwertet sein. In ihrem Défilé-Proramm schrieb sie: „Stellt Euch vor, Ihr wandelt in der Ödnis, die Überflutungen, Klima- und Umweltkatastrophen, Hitzewellen und Kriege hinterlassen haben“. Werden wir uns später wohl mit den Resten der heutigen Zivilisation kleiden müssen?

Wie wohltuend, dass es eine Maria Grazia Chiuri gibt. Die Kreativ-Direktorin des Hauses Dior kurz MGC genannt, meint: „Kreativität muss verantwortlich sein“. Kleidung soll über die Saison hinaus Bestand haben und „nicht aus der Mode kommen“. In ihren Défilés versucht sie zu zeigen, wie man Kleider aktualisieren kann. Für das Dekor liess MGC 164 unterschiedliche Bäume aus verschiedenen Ländern auf dem Rasen der Pferderennbahn von Longchamps zu Laufsteg-Alleen aufstellen und verwandelte damit den Ort in einen Wald. „Planting For The Future“ (für die Zukunft pflanzen). Die Wurzelballen aller Bäume waren sorgfältig in Jute eingepackt, denn sie werden an verschiedenen Orten in Paris definitiv eingepflanzt werden. 

Inspiration für die Dior-Kollektion war Catherine, Christian Diors geliebte kleine Schwester, Vorbild für sein erstes Parfum „Miss Dior“. Wie ihr Bruder, der Frauen gerne mit Blumen verglich, liebte sie Pflanzen und Gärten. In der Sommer-Kollektion Dior gab es viele Stickereien, Blumen oder feine Blattstrukturen, Wildseide mit Bast gemischt, ein Kleid aus Bast gehäkelt. Da war auch Diors berühmte Bar-Kostümjacke als Gärtner-Jacke mit praktischen Taschen. Man applaudierte die soliden Latzhosen und Shorts, die mit Bast bestickten Schürzenkleider, das Tailleur mit Shorts aus beigem Pied-de-Poule und die duftigen, langen Abendkleider aus Tüll, hauchdünn und blumig, transparent und poetisch. Die Mannequins trugen flache Schuhe, charmante Strohhüte vom legendären englischen Hutmacher Stephen Jones und Zöpfe, wie sie schon lange vor Greta Thunberg üblich waren.

Das grosse Ereignis war wie immer die Show Saint Laurent, ebenso spektakulär wie das Dekor am Fuss des Eiffelturms. Anthony Vaccarello, seit drei Jahren Kreativdirektor der Marke, hatte keine Umwelt-Botschaften für sein Publikum. Nicht aus Desinteresse, sondern er wollte sich nur auf seine Saint Laurent-Kollektion konzentrieren. Zu seinen vielen Bewunderinnen gehören Catherine Deneuve, Naomi Campbell, Kate Moss, Charlotte Gainsbourg, Charlotte Casiraghi oder Cindy Crawford, deren junge Tochter Kaia Gerber als Star über den Laufsteg schwebte. Vaccarellos YSL-Kollektion 2020 verspricht einen opulenten Sommer. Minishorts bringen unendlich lange Beine zur Geltung, Hippie-Kleider, Samt-Blazer, Boleros, Spencer ohne Revers, getragen zu Microshorts. Neben einer Armee von Smokings, die man alle haben möchte, Bermuda-Jeans, Zigeunerinnen-Kleider aus bestickter Mousseline, russische Akzente, glamouröser Rockparty-Stil für Pariser Nachtvögel und viele glitzernde Pailletten. Die Schultern sind breit, die Taille betont, die Absätze schwindelerregend hoch, die Shorts, manchmal aus Leder, sehr sexy. Aber es gibt auch lange Lamé-Jupes und leichte Blusen. Das alles in Gold, Kaki, Orange, Altrosa, Flaschengrün, übertrumpft von Schwarz. Eine Kollektion aus Schatten und Licht, Transparenz und Glanz. Die unvergleichliche Eleganz von YSL perfekt ins 21. Jahrhundert übertragen.

Chanel blieb dem Grand Palais treu. Es war das erste Mal, dass Karine Viard, die Nachfolgerin von Karl Lagerfeld, eine Prêt à Porter-Kollektion zeigte. Das Dekor war, wie schon zu Lagerfelds Zeiten, einfach spektakulär. Als Laufsteg eine haargenaue Reproduktion der mythischen Pariser Dächer mit ihren Oberflächen aus Zinkblech, den Kaminen und Dachluken, berühmt aus vielen Filmen. Die Models auf dem Dach in Augenhöhe trugen jungenhafte Corsairhosen, luftige Blusen und natürlich viel Tweed. Jumpsuits mit Shorts, natürlich aus Tweed, kariert oder gestreift, dazu traditionelle Chanel-Jacken. Alles einfach und elegant, die perfekte Garderobe für eine echte Pariserin. Dazu gehörten auch Micro-Shorts, Stil Sportswear, getragen über dunklen Strumpfhosen. Dazu flache Baby-Sandalen mit Strassabsätzen oder aus Lamé in Rosa oder Silber. Shorts auch für den Abend, leichte Mäntel aus Wollcrêpe über Tweedkleidchen, Ballonröcke mit schwarz-weissen Volants. Für den Abend viel Mousseline, bedruckt mit Impressionen der Pariser Dächer, glitzernde Stickereien, Satin, viele schwarz-weisse Silhouetten und natürlich schwarze Abendkleider. 

Gespannt waren alle auf das Défilé von Celine, wie immer, wenn der geniale Hedi Slimane seine neue Kollektion zeigt. Wo er sein Talent entfaltet, ist sein Einfluss auf den Rest der Modewelt gewaltig, denn er meistert wie kein anderer moderne Pariser Eleganz, die nicht aus der Mode kommt., weil sie irgendwie zeitlos ist. Jeans mit hoher Taille, Jeanshemden, maskuline Jacken, Kleider mit Lavallière-Kragen, dazu hohe Stiefel oder ein bestickter Hosenrock mit passendem Cape. Fliessende Kleider aus Lamé oder mit Pailletten bestickt, lange Jupes, dazu kurze Jacken. Alles hat eine tolle Allüre, erinnert an eine raffinierte Mode-Lady aus den siebziger Jahren. Ein bisschen Rock und Bohème. Chic, lässig und entzückend burschikos. In einem Interview gestand Slimane kürzlich, dass er zwei Idole habe: Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld

Für eine noch nie dagewesene Überraschung sorgte Dries van Noten, der Christian Lacroix bat, mit ihm zusammen die Kollektion für den Sommer zu entwerfen. Für Lacroix, der sein Modehaus vor genau 10 Jahren aufgab und sich seitdem seiner Leidenschaft für Theater- und Opernkostüme widmete, war es „ein Ausflug aus Spass am Teamwork“. Der Applaus war gewaltig für den Mann aus Flandern und denjenigen aus Arles. Zebradrucke, Punkte, Streifen und Blumen und Farben explodierten. Federn, reicher Brokat, Volants, Berge von Taft und unendlich viel Stickereien. Die Kollektion von Hermès war grafisch, minimal und streng. Hemdkleider, weite Mäntel, sportliche Mini-Shorts aus Strick, Modelle von grosser Schlichtheit, wie moderne Architektur. Die Farben neutral. Tops in Braun, Beige, Olive, Grün, Ocker, Schwarz und als Material das unvergleichlich kostbare und weiche Leder des Hauses, kombiniert mit Gabardine oder Baumwolle. Musterbeispiel für diskreten französischen Luxus. Das Modehaus Chloé ist siebzig Jahre alt, aber stark und schön geblieben. Die begabte Natacha Ramsay Levi signiert eine ausgeglichene Linie. Sie zeigte eine ungezwungene Eleganz, weiche Tailleurs, plissierte Kleider in delikaten Farben, Bustier-Effekte, kragenlose Blazer, weite Hosenröcke, jungenhafte Shorts, lange Hemdkleider, Bermudas mit Tennisstreifen und duftige Blusen. Alles romantisch, delikat, ungezwungen und ausgeglichen, denn die Stilistin ist fest entschlossen, nur tragbare Mode zu machen.